I S A B E L M O R F

Jahrhundertschnee

Kriminalroman

 

Ohne zu klopfen, riss Carsten Lucas Zimmertür auf und ging ins Zimmer. Luca saß am Schreibtisch, Kopfhörer in den Ohren, und

schaute sich eine DVD an. Er fuhr zusammen, als Carsten ihm die Kopfhörer aus den Ohren riss. »He?«

»Was bist du eigentlich für ein Schwein?«, brüllte Carsten ihn an.

»Was ist denn los?«, tat Luca ahnungslos.

»Du hast Aline fertiggemacht, die ganze Zeit schon, aber jetzt bist

du zu weit gegangen!«

»Bitte? Ist sie wieder aufgetaucht?«

»Wenn sie dort oben erfroren wäre, wäre es deine Schuld gewesen.

Hattest du es darauf abgesehen?«

»Wo oben? Von was redest du?«

»Sie hat sich auf dem eiskalten Estrich versteckt, weil du ihr solche

Angst eingejagt hattest.«

»Angst eingejagt? Angst ist ja ihr Normalzustand.«

»Du hast ihr praktisch gedroht, sie zu töten!«, schrie Carsten.

»Du musst doch diesem verrückten Huhn kein Wort glauben«,

konterte Luca ebenso laut. »Die ist komplett durchgeknallt. Für

solche Fälle gibt es die Irrenhäuser.«

»Sie ist nicht durchgeknallt. Sie hat Probleme. Aber wenn man

sie nicht mit bösartiger Absicht in die Verzweiflung treibt, ist sie

ganz normal.«

»Die??«

»Sie hat sich drei Stunden im eiskalten Estrich verkrochen, aus Todesangst vor dir.«

Luca schnitt eine verächtliche Grimasse. »Aber jetzt ist sie wieder gemütlich an der Wärme?«

Nun reichte es Carsten endgültig. »Sie denkt, dass du der Mörder bist!« Zwei Schritte, ein Faustschlag, und Luca blutete aus der Nase. Dennoch schlug er zurück und Carsten hielt sich die Hand ans Auge.

»Bist du der Mörder?«

Luca hielt sich ein Papiertaschentuch an die Nase. Blut lief ihm übers Kinn in den Hemdkragen.

»Bist du der Mörder?«, schrie Carsten nochmals.

»Blödsinn.« Aber der junge Mann wirkte nicht mehr überheblich, sondern verunsichert.

»Ich habe die Ingold nicht umgebracht. Warum sollte ich? – Okay, ich

bin bei deiner Schwester vermutlich ein wenig an die Schmerzgrenze gegangen. War daneben, zugegeben. Es stimmt, dass sie mir auf den Geist gegangen ist mit ihrer wehleidigen Art. Aber ich wollte nicht,

dass sie da oben erfriert. Ich bin doch gar nicht auf die Idee gekommen, dass sie in diesen eiskalten Estrich flüchten könnte.«

»Du hast sie gewürgt«, sagte Carsten, »sie hat mir alles erzählt.«

Luca blieb still.

 

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