I S A B E L M O R F

Die Spannung im Raum war fast mit Händen zu greifen. Was ist bloss mit dieser Gruppe los?, fragte sich Kursleiter Peter Müller und liess seinen Blick durch den Raum schweifen. Die Sonne schien in den Raum, von draussen waren ab und zu Rufe der italienischen Arbeiter zu hören. Es war nun das fünfte Mal, dass Müller einen Krimiworkshop im toskanischen Städtchen Farnese leitete. Es gab lebhaftere Gruppen und stillere, fantasievollere und verhaltenere Teilnehmer, aber die Stimmung in diesen Wochen war meist gut und entspannt gewesen. Aber diesmal war der Wurm drin. Und Müller wusste auch, woran es lag. Er wusste bloss nicht, was dahintersteckte. Sein Blick blieb an Beatrice Koch hängen, dann an Walter Holenstein. Es waren die beiden, die die Atmosphäre prägten, vor allem Beatrice, die, sagen wir es klar, die Stimmung versaute. Sie schien Walter nicht ausstehen zu können, vom ersten Blick an, und sie verbarg es nicht. Sie war sarkastisch bis schroff zu ihm, zuweilen richtig giftig. Warum nur? Ansonsten war sie ganz vernünftig, nett, eine fünfunddreissigjährige Journalistin, die, wie sie anfangs erzählt hatte, als es darum ging, die Wünsche an den Kurs zu formulieren, gesagt hatte, endlich einmal nicht nur schreiben wollte, was man ihr auftrug, was sie recherchiert hatte, sondern auch erfinden, selber eine Geschichte konstruieren und Figuren gestalten wollte. Der Text, den sie eingereicht hatte, ein Kurzkrimi, war gut; eine originelle Idee, knapp und witzig umgesetzt. Walter Holenstein war etwa Mitte vierzig, ein an sich fröhlicher Typ, manchmal ein Sprücheklopfer, der aber zunehmend irritiert war durch Beatrice’s Feindseligkeit ihm gegenüber. Er hatte beruflich nicht mit Sprache zu tun, war Bauzeichner. Der Text, den er Müller geschickt hatte und von dem die ersten zehn Seiten an alle Kursteilnehmer gemailt worden war, war ein fertiger Kriminalroman. Walter hatte erklärt, das sei sein erster Text, aber Müller war überzeugt, dass ihm jahrelange Fingerübungen vorangegangen waren. Denn der Roman war gut. Wirklich gut. Ein raffinierter Plot, gut geschrieben, witzige Dialoge, eine überraschende Auflösung. Das legt man nicht einfach aus dem Stand hin.

Jetzt war die Gruppe daran, seinen Text zu besprechen. Er bekam viel Lob. Beatrice hatte sich bis jetzt zurückgehalten. Nun meldete sie sich. Müller gab ihr mit einem kleinen Nicken das Wort und dachte resigniert: Jetzt wird sie wieder die ganze Arbeitsstimmung kaputt machen. Oder würde sie sich zusammennehmen? „Ja, der Text ist wirklich interessant“, hörte er sie sagen, aber ihr Tonfall verhiess nichts Gutes. Die Gruppe merkte auf, und Müller dachte, was kommt jetzt? „Ich kann ja nicht wissen, wie die Geschichte weitergeht“, hörte er Beatrice fortfahren, „aber ich fände es eigentlich schlüssig, wenn…“ Und dann hörte Müller mit grösstem Erstaunen, wie sie Walters Geschichte weitererzählte. Genauso, wie er sie geschrieben hatte. Hatte er sie ihr gezeigt? Kaum vorstellbar. Walter schien völlig verblüfft. Mehr noch, erschrocken. Er warf Müller einen vorwurfsvoll fragenden Blick zu. Müller deutete ein Kopfschütteln an. Nein, er hatte das Romanmanuskript nicht weitergegeben. Walter offenbar auch nicht. „Nun, was meinst du?“, hörte er Beatrice, an Walter gewandt, fragen.

Dieser schluckte, starrte sie an. „Ich weiss nicht, wie du darauf kommst“, sagte er schwach. Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. Dann zuckte sie die Schultern und wandte sich ab.

 

Sie sassen beim Frühstück in der Rokka-Bar. Die einen noch etwas verschlafen, schweigsam, andere schon in Gespräche über den Aufbau von Dialogen oder den richtigen Anfangssatz vertieft. Walter sagte nicht viel, hörte aber aufmerksam zu. Beatrice war noch nicht da. Müller belegte sich ein Brot mit einer Scheibe Käse. Da wurde die Tür aufgerissen und Silvia, eine der Teilnehmerinnen, das Nesthäkchen der Gruppe, stürzte herein.

„Beatrice“, keuchte sie, „sie ist tot.“ Es wurde still. Silvia schlug die Hände vors Gesicht und begann zu schluchzen. Müller stand auf.

„Was ist passiert? Wo ist sie?“ Er nahm Silvia am Arm und ging mit ihr hinaus.

Beatrice lag in der Nähe des Ferienhauses, in dem sie mit Silvia untergebracht war. Es lag unterhalb der Burg, die von Esmeraldo Farnese, einem von der Familie verstossenen Herzog, im 14. Jahrhundert bewohnt worden war. Hier hatte er dreissig Jahre einsam gelebt, ausserhalb der Stadtmauern, unterstützt von ein paar Dienern, und täglich, so die Sage, neidisch zum Städtchen hinübergestarrt. Beatrice lag am Fuss der Burgmauer, die Glieder verrenkt, die Augen offen. Müller blickte die Mauer hoch, etwa zehn Meter, schätzte er. Beatrice musste da hinuntergestürzt sein. Silvia schluchzte noch immer. Nein, sie wusste nicht, wann Beatrice hinausgegangen war, sie hatte nichts gehört. Der Dorfpolizist, sichtlich überfordert von der Situation, da das letzte schwere Verbrechen in Farnese vor ungefähr dreihundert Jahren geschehen war, murmelte etwas von Unfall, „incidente“ oder, er bekreuzigte sich, „suicido“. Müller glaubte das nicht. Beatrice war zwar eine eher ernsthafte Person gewesen, aber sie hatte gar keinen depressiven oder verzweifelten Eindruck gemacht. Er stieg hinauf zur Burg und sah, dass die Mauer vor dem Abgrund zu hoch war, als dass man aus Ungeschicktheit hätte hinunterfallen können. Hatte jemand Beatrice gestossen? Wer? Warum? Walter? Weil sie ihn angegriffen hatte? Sicher nicht. Warum hatte sie seinen Roman gekannt? Fragen konnte man sie nicht mehr.

 

Peter Müller ging zurück in die Rokka-Bar, um die Gruppe zu informieren. Was sollte er bloss tun? Nach diesem Todesfall konnte er sie kaum an ihrer Krimigeschichte weiterschreiben lassen, das wäre zu makaber. Sie wären wohl auch nicht im Stande gewesen dazu. Aber den Kurs abbrechen, für den sie tausend Euro bezahlt hatten? Schliesslich war erst Mittwoch. Er entschloss sich, den heutigen Kursbeginn auf elf Uhr zu verschieben und ihnen etwas über Erzählperspektiven zu erzählen, ein bisschen Theorie ohne allzu starken Bezug zu Mord und Totschlag.

Im Büro startete er seinen Computer auf. Checkte seine Mails. Da war eines – von Beatrice. Mit einem Attachment. Er öffnete es. Gestern Abend hatte ihm also Beatrice noch ihre Kurzgeschichte gemailt, die alle Teilnehmer in dieser Woche schreiben sollte. Ein Kurzkrimi, der in Farnese spielen sollte. Was für eine bescheuerte Idee, dachte er. Aber Beatrice hatte eine verfasst. Er öffnete das Dokument. Sein Titel war: „Das verschwundene Manuskript“. Er begann zu lesen. Die Geschichte war nicht lang. Er las sie nochmals. Dann starrte er eine ganze Weile aus dem Fenster, ohne etwas wahrzunehmen.

Die Geschichte handelte von einer Frau, die einen Kriminalroman geschrieben hatte. Ihr Computer gab den Geist auf, und sie hatte nur noch einen Ausdruck. Als sie sich auf den Weg machte, das Manuskript zu kopieren, wurde ihr die Tasche entrissen, und der Text war weg. Sie versuchte ihn zu rekonstruieren, gab aber auf, sie hatte die dreihundert Seiten nicht im Kopf gespeichert. Fünf Jahre später meldete sie sich zu einem Krimiworkshop in Italien an. Als ihr die Texte der anderen Teilnehmer gemailt wurden, erkannte sie im einen Text den Anfang ihres Kriminalromans, der ihr damals abhanden gekommen war. Sie fuhr hin, entschlossen, den Dieb, der ihren Text nun als den seinen ausgab, zur Rede zu stellen. Die ersten Tage beobachtete sie ihn. Sagte nichts. Versuchte ihn zu verunsichern. Liess Andeutungen fallen. Dann bestellte sie ihn zu einem Treffen an einem abgelegenen Ort, etwas ausserhalb des Dorfes. Was sie ihm sagen würde, was sie tun würde, wusste sie noch nicht, denn sie konnte nicht beweisen, dass der Text in Wahrheit von ihr stammte. „Es war elf Uhr. B. ging aus dem Haus, um ihren Gegner zu treffen“, lautete der letzte Satz der Story.

Müller machte sich langsam auf den Weg zu Walters Hotel.

Kurzkrimi von Isabel Morf

DAS VERSCHWUNDENE

MANUSKRIPT

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